Jubilate Deo!

Eine Hymne für die Gegenwart

Grusswort von Pedro Lenz

Unter literarischen Gesichtspunkten unterscheidet man drei Arten von Psalmen, die Hymnen, die Klagelieder und die Loblieder. Psalm 100, um den es in dieser eindrücklichen Komposition von Dan Forrest geht, ist eine Hymne. Hymnen sind immer ungefähr gleich aufgebaut. Am Anfang steht eine Aufforderung zum Gotteslob. Im Hauptteil wird erklärt, wofür Gott zu rühmen ist. Der Schlussteil greift den Anfang, also das Lobesmotiv wieder auf und bringt dann oft noch einen Wunsch oder eine Bitte zum Ausdruck.

Obwohl oder weil diese Hymnenstruktur so einfach und so klar ist, spricht sie uns neuzeitliche Menschen immer noch an. Wir können religiöse und nichtreligiöse Hymnen singen, spielen, darstellen, hören, verstehen, fühlen oder neu erfinden. 

Mich persönlich beeindruckt in diesem Zusammenhang vor allem die Bereitschaft so vieler unterschiedlicher Menschen, sich auf ein derart grosses Projekt einzulassen. Der Frauenchor Langenthal, der Männerchor Langenthal, das Stadtorchester Langenthal, der Projektchor Olten, die Solistinnen, die Dirigenten, die vielen Leute im OK, sie alle haben sich auf ein vielsprachiges und vielschichtiges Wagnis eingelassen. 


Wir leben in einer Zeit, in der sich viele von uns in so genannten Bubbles gemütlich eingerichtet haben. In einer Bubble bewegen sich gleichgesinnte, gleichdenkende Menschen ähnlicher Herkunft, die alle an den gleichen Dingen interessiert sind und ähnlich denken. So lange wir in der Bubble sind, müssen wir uns nicht mit den Sorgen und Nöten von ausserhalb unserer Bubble beschäftigen. Und gerade da ist es interessant, zu vernehmen, wie der Psalm 100 schon mit dem ersten Vers jede Bubble sprengt: «Jauchzt vor dem Herrn alle Länder der Erde!» Es heisst nicht, «jauchzt vor dem Herrn alle, die sich ähnlich sind» oder «jauchzt vor dem Herrn alle, die sich immer schon gut verstanden haben». Nein, angesprochen sind «alle Länder der Erde» oder in anderer Übersetzung auch «alle Welt». 

Wenn wir uns vor Augen halten, wie sehr die gegenwärtigen Krisen und Kriege auf dem Planeten das Prinzip von Rache, Gegenrache und Gegengegenrache befolgen, kann es nur gut und richtig sein, sich in aller Vielsprachigkeit und aller Vielstimmigkeit auf das zu besinnen, was alle Menschen eint, die Musik, die Poesie und die Bereitschaft, sich daran zu erfreuen.